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12.04.2010

Prof. Dr. Karin Sorger: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit“

Bericht: Friedemann Moll
Bilder: Gerhard Kesselhut

Zum besseren gegenseitigen Kennenlernen gibt die DFG ihren Mitgliedern Gelegenheit, bei einem Treffen im geräumigen Sekretariat über persönliche Erfahrungen von allgemeinem Interesse zu sprechen. Da sich heuer das Ende der ehemaligen DDR zum 20. Mal jährt, lud J.-M. Culas, Präsident der DFG,  Frau Prof. Dr. med. Karin Sorger, seit kurzem Baden-Badenerin, zu einem Vortrag ein über ihr Leben im Deutschland hinter dem Eisernen Vorhang und der Mauer.

Zunächst ging die Referentin ein auf ihre Magdeburger Schulzeit nach dem Krieg und auf das Studium an der Uni Leipzig in den fünfziger Jahren, die ihr in dankbarer Erinnerung blieben. Aus jugendlicher Begeisterung für die Ideen von Marx und Engels war es für sie selbstverständlich, während der Semesterferien im Braunkohletagebau und bei der Ernte in LPGs mitzuhelfen. Nach kurzer Landarztpraxis erhielt sie eine Stelle an der Uni-Klinik Leipzig, wo erste Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Nierenpathologie erfreuliche Anerkennung fanden.

Schon seit dem Mauerbau aber bemerkte Karin Sorger in zunehmendem Masse und erlebte schließlich an sich  selbst, wie entwürdigend das DDR-Regime mit kritisch eingestellten Bürgern umging: unangemessen enge Wohnverhältnisse, fehlende Reisefreiheit, willkürliche Beschränkungen für den  Bezug wissenschaftlicher Zeitschriften aus dem Westen und für die Teilnahme an internationalen Kongressen im »imperialistischen » Ausland. Hinzu kam eine persönliche Verunsicherung nach Absage an eine Werbekampagne der Stasi für inoffizielle Mitarbeiter. Die Vorstellung, von einem allmächtigen Parteiapparat überwacht und reglementiert zu werden, sowie für immer « eingesperrt » zu sein, wurde für Karin Sorger schließlich unerträglich.

So fasste sie als 37- Jährige den waghalsigen Entschluss zur Flucht mit ihrer 8-jährigen Tochter, geriet aber im Februar 1977 in eine Razzia, wurde nach wochenlanger Untersuchungshaft und erniedrigenden Verhören in Halle und Leipzig im Mai wegen Versuchs ungesetzlichen Grenzübertritts zu 1 ½ Jahren Freiheitsentzug verurteilt und ins berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck im Erzgebirge gesperrt. Sie stellte einen Ausreiseantrag, wurde tatsächlich mit anderen « Republikflüchtlingen » von der Bonner Regierung freigekauft und im November von Hoheneck über die Grenze ins Auffanglager Gießen gebracht. Ihre Freude war zwar noch gedämpft, aber am 9. März 1978 konnte sie endlich ihre Tochter in Leipzig abholen und in der Bundesrepublik zusammen mit ihr ein neues Leben in Freiheit beginnen.

Die spürbar beeindruckten Zuhörer dankten der Referentin für ihre bewegenden Ausführungen, und das anschließende Gespräch machte als Fazit des Abends deutlich : Je grösser der Zeitabstand zum geteilten Deutschland, desto wichtiger werden Zeitzeugen, die wie Karin Sorger daran erinnern, wie in der zur Parteidiktatur mutierten DDR nur noch das persönliche Wagnis der Flucht als Ausweg in die Freiheit blieb, ehe letztendlich der gewaltlose Volksaufstand das Regime zu Fall brachte.

Text: Dr. Heinrich Niederer
Bilder: Gerhard Kesselhut

 

Prof. Dr. Karin Sorger