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20.07.2010

Zum 20. Juli

Deutsch-französische Gesellschaft Baden-Baden versucht einen neuen Weg des Gedenkens

Bericht: Dr. Heinrich Niederer
Bild: Gerhard Kesselhut

Siebzig Jahre nach der Okkupation Frankreichs durch die deutschen Nazi-Truppen und 66 Jahre nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler versuchte die DFG am Abend des 20. Juli  einen neuen Weg des Gedenkens. Deshalb sei vorab Herrn Oberbürgermeister Gerstner gedankt, dass er dem Wagnis den Alten Ratssaal zur Verfügung gestellt hat.

Ein  Symbol war schon der Umstand, dass der Abend von einer Französin gestaltet wurde, von Madeleine Klümper-Lefebvre, der stadtbekannten Künderin französischer Kultur. Sie hatte sich vorgenommen, in den Mittelpunkt des Abends einen Deutschen zu stellen, der vor und nach dem Weltkrieg in den jeweiligen politischen Systemen wichtige Arbeit geleistet hat und  gewiss kein Widerstandskämpfer war. Es handelte sich um Gerhard Heller, der nach dem Krieg bis zu seinem Tod in Baden-Baden gelebt hatte.

Um eine Auseinandersetzung mit diesem Menschen überhaupt zu ermöglichen, bedurfte es vieler Mitwirkender. An erster Stelle ist Herr Pfarrer i.R. Ulrich Carl zu nennen, der als langjähriger Pfarrer in Lichtenthal das Ehepaar Heller sehr gut gekannt hat. Wichtig waren aber auch die Buchschätze von Herrn Möller und nicht zuletzt die Erinnerungen von Frau Dr. Sigrun Lang, die 1980 Gerhard Heller eine Auszeichnung für seine unermüdliche Übersetzungstätigkeit von französischer Literatur ins Deutsche überreicht hat.

Trotz der sommerlichen Schwüle übte dieses Konzept eine große Faszination aus. Der Alte Ratssaal war bis auf den letzten Platz besetzt und die Teilnahme an der abschließenden Diskussion machte die Betroffenheit der Anwesenden deutlich.

Der Abend begann mit zwei in ihrer Gegensätzlichkeit nicht zu überbietenden Musikstücken aus der Okkupationszeit. Zum ersten eine Variation für Violine und Klavier von Olivier Messiaen. Seine schrille und kompromisslos moderne Musik machte auf all die Widersprüche der damaligen Zeit aufmerksam. Ganz anders dagegen ein Chanson von Josef Kosma aus seiner Filmmusik zum berühmtem Film „Kinder des Olymp“, das zum Mitsummen einlud und damit erkennbar machte, weshalb die Propagandastrategen der Nazis so großen Wert auf das Medium Film legten.

Madeleine Klümper-Levebvre entfaltete in einem großen und engagierten Vortrag das Leben Gerhard Hellers: Jahrgang 1909; Studium der Germanistik, Romanistik und Geschichte in Berlin, Heidelberg Pisa und Toulouse; 1934 Beitritt zur NSDAP;1935 bis 1940 Referatsleiter „Wort“ beim Deutschen Kurzwellensender; 1940 bis 1944 in Paris Zensor der französischen Literatur und zuständig für die überlebenswichtige Zuteilung von Druckpapier im Auftrag der deutschen Besatzer; ab 1946 im Dienste der französischen Besatzungsmacht in Baden-Baden beauftragt mit der Verbreitung französischer Kultur; frühzeitig erhielt er von der französischen Militärhierarchie Verlagslizenzen und konnte so die bis heute existierende Zeitschrift „Merkur“  mitbegründen und herausgeben. Lange Jahre war er Teilhaber des Stahlberg Verlages und übersetzte zahlreiche französische und italienische Texte ins Deutsche. Für seine kulturvermittelnde Dienste erhielt er 1980 den „Deutsch-Französischen Übersetzerpreis der Stadt Baden-Baden“ und den „Prix du Rayonnement de la Langue Francaise“ der Academie Francaise.

Dieser wahrhaft bemerkenswerte Lebensweg wurde im zweiten Teil des Abends durch die Ausführungen von Herrn Pfarrer Carl vertieft. Er zeichnete ein lebendiges Bild von Gerhard Heller und seiner Frau, mit denen er regsten Austausch vor allem über die damals modernste Literatur betrieben hat. Er zeigte sich überzeugt von der Integrität Hellers und seinem tiefen Gesinnungswandel nach dem Zusammenbruch des deutschen Wahns 1945. Allerdings konnte auch er eine der interessantesten Fragen nicht beantworten, was die französischen Militärs dazu veranlasst hatte, gerade einen ehemaligen Zensor der deutschen Okkupanten zum Mittler zwischen den beiden Kulturen zu berufen. Da aber selbst in Frankreich die dortige Armee als „La Grande Muette“ d.h. „Die Große Schweigende“ bezeichnet wird, wird diese Frage wohl auf immer ungelöst bleiben.

Nach weiteren Beiträgen von Zeitzeugen aus dem Publikum endete der Abend mit einem ganz besonderen, persönlichen Dank von Frau Dr. Sigrun Lang an Madame Klümper-Lefebvre, der sie einen kostbaren Erstdruck der Erinnerungen Hellers überreichte.

Vielleicht ist es der DFG Baden-Baden damit zum ersten Mal gelungen an einem 20. Juli sich mit einem Menschen zu beschäftigen, dessen Leben in den wechselnden politischen Systemen wohl dem vieler damaliger Deutscher entsprochen haben dürfte.

Madeleine Klümper-Lefebvre und Pfarrer Carl