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02.03.2015

Alfred Döblin et la France

Bericht: Dr. Heinrich Niederer

Unter diesem Titel hatte Madeleine Klümper-Lefebvre zu einem Vortrag  in französischer Sprache in den Spiegelsaal unseres Theaters eingeladen. Der Anlass war die bevorstehende Premiere einer Theaterfassung von "Berlin Alexanderplatz".

Weshalb aber zu einem derart deutschen Stück eine Einführung in französischer Sprache? Der Vortrag machte deutlich, dass und weshalb das Leben von Alfred Döblin und seiner Familie Frankreich zum Dreh-und Angelpunkt hatte.

Der 1877 in Stettin geborene Jude Alfred Döblin, der sich als Arzt im proletarischen "Zille-Berlin" niederlässt und dort mit seiner ebenfalls jüdischen Frau Erna seine Familie gründet, entfaltet neben seinem Brotberuf eine reiche literarisch-künstlerische Tätigkeit. Deren erster Höhepunkt ist der 1929 veröffentlichte Roman " Berlin Alexanderplatz". Ein paar Wochen nach seinem Erscheinen bricht die Weltwirtschaftskrise aus und stürzt Deutschland in den Schlusstaumel der Weimarer Republik.

Kurz nach der Machtergreifung Hitlers ist die Familie Döblin zum Exil gezwungen. Es gelingt ihnen nach Paris zu fliehen. Zehn Tage später erfahren sie  dort von der Verbrennung seines Romans! Der berühmte deutsche Autor, dessen "Berlin Alexanderplatz" gleich nach Erscheinen ins Französische, Englische und Spanische übersetzt und verfilmt worden war, befindet sich nun im Pariser Exil und leidet dort unter seinem sprachlichen Unvermögen. In einem anrührenden Satz fasst  er diese Not so   zusammen: "Comme j'aimerais les Parisiens s'ils parlaient  allemand"!

Der erste Aufenthalt in Paris dauert nur kurze Zeit. Nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen gelingt dem Ehepaar die Flucht nach Marseille und von dort nach Amerika. In der ihm noch fremderen Welt überdauert Döblin die Zeit des Weltkriegs. Nach der Kapitulation kehren die  Döblins nach Paris zurück und erfahren dort, dass sich ihr ältester  Sohn auf der Flucht vor der Gestapo umgebracht hat.

Trotz alledem glaubt er nun eine neue Epoche für sich gekommen. Er sieht "sein" deutsches Volk am Boden und will ihm aufhelfen. Er glaubt, dass jetzt die Stunde der Exilanten geschlagen habe und die Deutschen von ihrer Rückkehr ernsthafte Hilfe und Heilung ihrer schrecklichen Verirrungen erhofften. So nimmt er mit hochgespannten Erwartungen eine Aufgabe als Kulturoffizier in der Hauptstadt der französischen Okkupationszone, in Baden-Baden, wahr. Im Rahmen der von Paris erdachten "Réeducation" gründet er die Zeitschrift "Das Goldene Tor" und richtet im SWF Rubriken mit aufklärerischen Inhalten ein. Sein Dienstsitz ist die Villa Stephanie.

Privat wohnt das Ehepaar in der Schwarzwaldstrasse 6.  Dort haben die heutigen Eigentümer 2007 aus Anlass des 50. Todestages von Alfred Döblin in einer würdigen Feier eine schön gestaltete Gedenktafel anbringen lassen.

Allzu rasch muss Döblin eine schreckliche Erfahrung machen: Deutschland liegt zwar in Trümmern (Baden-Baden allerdings fast nicht) die Menschen leiden materielle Not und jeder, der auf diesen Feldern hilft, ist willkommen. Aber die Mehrzahl der Deutschen leiden nicht an ihrer "kulturellen" Not. Ihre "Unfähigkeit zu trauern" ist offensichtlich. Sie wollen nicht von dem aus dem Exil Zurückgekehrten  "erzogen" werden - besonders ungern von einem in französischer Uniform.Resigniert kehrt Döblin nach wenig mehr als drei Jahren  in Baden-Baden über Mainz  nach Paris zurück.

Die letzten Lebensjahre waren überschattet von materieller Not und Krankheit. Alfred Döblin starb 1957.  Kurz danach nahm sich seine Frau in Paris das Leben. In Housseras in den Vogesen ist sie mit ihrem Mann und dem zuerst verstorbenen ältesten Sohn begraben.Der große deutsche Dichter, der Autor des modernen Berlin, der Seelenarzt und Aufklärer ruht in französischer Erde: " Döblin et La France"!