DFG Baden-Baden
Tel:  +49 (7221) 2 51 10     
Fax: +49 (7221) 39 44 33     
Mail: info@dfg-baden-baden.de

Von der Ill an den Rhein - Strasbourg 2050

Bericht: Dr. Heinrich Niederer
Bilder: Peter Stahlberger

Wer die Geschichte Straßburgs seit seiner römischen Gründung und erst recht die Geschichte der Rheinbrücken bei Kehl kennt, der kam bei unserem jüngsten Ausflug in die Münsterstadt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Unter dem Titel "Strasbourg une Ville dynamique" fuhren wir mit dem Bus bis zum Bahnhof Kehl. Dort stieg unser französischer Führer, M. Lionel Heiwy, seines Zeichens frisch promovierter Stadtarchitekt und offizieller Guide de la ville de Strasbourg, zu.

Angesichts der drei derzeitigen Rheinbrücken - für Auto, Zug Fußgänger und Velos – und der in den Fluß ragenden vierten Brücke für die künftige Trambahn lenkte er unsere Blicke zunächst auf die Tatsache, dass seit den Römern Straßburg von der Ill umflossen war und die Stadt an und von ihr lebte. Zwar gab es eine Wasserverbindung zum Rhein, aber dieser mäanderte bis zur Zähmung durch Tulla etliche Kilometer vom Stadtkern entfernt durch die Weite zwischen Schwarzwald und Vogesen. Politisch war das zu allen französischen Zeiten gerade recht. Jenseits des Rheins lebte der "Feind", den es mit den Zitadellen von Vauban ebenso in Schach zu halten galt wie mit den wohl überlegten Brückenbauten zum Kehler Ufer und deren jeweiligen gezielten Zerstörungen bis in das Frühjahr 1945.

Erst die fortschreitende Versöhnung der beiden Länder, die immer engeren Verkehrsverbindungen zu Lande, zu Wasser und in der Luft im immer offeneren Schengenraum mit seiner unglaublichen Zunahme des Personen-und Güteraustauschs machten um die jüngste Jahrtausendwende einen völlig neuen städteplanerischen Ansatz in der sich als Europastadt positionierenden Kapitale des Elsass möglich: die Hinwendung der Stadt zum Rhein. Diese wurde erleichtert durch den Niedergang der Richtung Kehl gelegenen Industrie- und Hafengebiete und den obsolet gewordenen Zollabfertigungseinrichtungen.

Den Auftakt zu den neuen Quartieren bildete die binationale Landesgartenschau mit ihrer Neugestaltung der "Deux Rives" mitsamt der sich wunderbar leicht über den Rhein schwingenden "Passarelle". Seither gibt es kein Halten mehr. Herr Hewy zeigte uns jenseits des Pont de L'Europe links die neuen Wohnbebauungen in direkter Ufernähe und rechts die zweisprachige Schule für deutsche und französische Kinder! Weiter vorne steht schon der Rohbau des Krankenhauses und im Brachland kann man schon die neue Tramlinie ausmachen. Im alten Industriehafen soll ein "Little Berlin" genanntes Künstlerviertel entstehen und beim Place Étoile bewunderten wir die Bibliothek Malraux ebenso wie die Einkaufspassagen und das Konservatorium.

Zum Höhepunkt der Führung lenkte uns Herr Heiwy ins Rathaus. Direkt im Eingangsbereich steht ein informatives Modell der ganzen neuen Stadtplanung. Kein an Strasbourg echt Interessierter sollte den Besuch dieses Modells versäumen. Hier wird die Neuausrichtung der Stadt deutlich: aus der mütterlichen Umarmung der Ill hinaus ins Offene der großen europäischen Stromlandschaft!

Manchen von uns überkam ob all der Zukunft ein leichter Schauder und alle waren dankbar,als wir an der Place Henri Dunant - nach einer Stippvisite ins Europaviertel mit seinen Neuplanungen eines Wohn-und Messeviertels - vor der beruhigenden Kulisse der "Gedeckten Brücken" und der "Petite France" zum gemeinsamen Essen in das Restaurant "Les Haras" aufmachten. Die vorbildlich restaurierten ehemaligen Pferdeställe aus der Zeit von Louis XIV lohnen ebenso einen Besuch wie die von der Familie Häberlin geführte Küche.

Nach dem Essen war noch reichlich Zeit zu einem Bummel durch die vertraute, von der Ill umflossene Stadt.

Rückblickend ist dieser Straßburg Besuch für uns nachhaltig bestärkend gewesen: die neue Stadtplanung von Strasbourg mit seiner bewußten Hinwendung zum Rhein legt Zeugnis ab von einem ungebrochenen Glauben an eine immer stärkere Verbindung unserer beiden Völker. Und nichts war so ansteckend wie der Optimismus unseres jungen Stadtführers. Wenn hüben und drüben vom Rhein die junge Generation so denkt, dann braucht uns um Europa nicht bange werden und unser Engagement in der Deutsch-Französischen Gesellschaft Baden-Baden hat Sinn und trägt gute Früchte.