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25.10.2016

"Michel Tournier", ein großer Germanist

Vortrag von Madeleine Klümper-Lefebvre in französischer Sprache

Bericht: Dr. Heinrich Niederer

Diesmal kamen erfreulich viele Interessierte und zur großen Freude der Referentin fanden sich auch Landsleute des Autors ein. Manch einer hatte sogar seinen "Lieblings Tournier" dabei.

MKL hatte sich diesmal etwas Gewaltiges vorgenommen: Michel Tournier (1924-2016) vorstellen, heißt eine Führung durch den Himalaya anbieten. Sein Werk umfasst nämlich von tiefen philosophischen Aphorismen über Romane für sehr gebildete Erwachsene bis zu Kinderbüchern eine unglaubliche Vielfalt von Textarten. Die Referentin konzentrierte sich auf drei besonders bedeutende Werke.

Den Auftakt bildete "Vendredi ou les Limbes de Pacifique" (1967) Der sich auf "Robinson Crusoe" beziehende Roman stellt mitten in der internationalen Bewegung der Dekolonisation die Figur von "Freitag" in den Mittelpunkt. Dieser macht Robinson mit der "Welt der Wilden" vertraut. So schmuggelt der " Contrebandier des pensées philosophiques" ( Michel Tournier über sich selbst) eine Kritik an der kapitalistischen Welt in den Text. Dass die auf den Verstehenshorizont von Kindern herab gedimmte Fassung in Frankreich Eingang in die Schule gefunden hat, ist bemerkenswert.

Äußerst schwierig ist das Opus Magnum von Tournier " Le roi des Aulnes"(1970). In Anspielung auf Goethes Ballade vom "Erlkönig" versucht der enthusiastische Germanophile die deutsche und französische Sagenwelt von der kinderverschlingenden Macht der Riesen so zu amalgamieren, dass sein Text als eine Interpretation der verführerischen Macht des Nazismus gelesen werden kann. Diese Deutungsmöglichkeit hat bei Erscheinen des Romans zu heftigsten Reaktionen nicht nur beidseits des Rheins geführt.

Um Tournier gerecht zu werden, ist eine Beschäftigung mit seinem Verhältnis zu Deutschland unerlässlich. Am ehesten gelingt dazu der Einstieg über das späte Werk "Le Bonheur en Allemagne?"(2006) Seine Herkunft aus einem germanophilen Elternhaus, seine Ferienaufenthalte als Kind im Schwarzwald und seine Studien ab 1946 in Tübingen machten aus ihm einen profunden Kenner unserer Kultur. Seine genauen Kenntnisse der Licht-und Schattenseiten unserer Geschichte ließen ihn in einem Brief an seinen Tübinger Freund Hellmut Waller eine sehr besondere Aussage machen: " Tu a choisi l'Allemagne, le seul pays à ma connaissance où l'on puisse être heureux".

MKL schloss Ihre Ausführungen nicht mit diesem Satz ab sondern mit der von Michel Tournier selbst entworfenen Inschrift auf seinem Grabstein, mit der er in eindrucksvoller Weise das Leben, das er so lange genießen durfte, feiert:

" Je t'ai adorée, tu me l'as rendu au centuple. Merci la vie!"

Mit lang anhaltendem Beifall dankte die Zuhörerschaft der Referentin für ihren wahrhaft magistralen Vortrag.