DFG Baden-Baden
Tel:  +49 (7221) 2 51 10     
Fax: +49 (7221) 39 44 33     
Mail: info@dfg-baden-baden.de

08.11.2011

Die Stunde Null

Madeleine Klümper-Lefebvre referiert über die geistige Erneuerung in Baden-Baden nach dem Zusammenbruch 1945.

Bericht: Karin Girke

Die geistige Neuorientierung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nach zwölf Jahren Naziherrschaft, insbesondere in der französisch besetzten Region Baden-Baden, stand im Zentrum des Vortrags von Madeleine Klümper-Lefebvre, zu dem die Bibliotheksgesellschaft und die Deutsch-Französische Gesellschaft am 8. November in die Stadtbibliothek Baden-Baden eingeladen hatte.

Mit Temperament, leidenschaftlichem Engagement und mit differenziertem  Blick auf die deutschen wie auch die französischen Interessen und Verhältnisse schilderte Madeleine Klümper-Lefebvre, wie trotz der insgesamt katastrophalen Situation, trotz aller Hungers- und Wohnungsnot, trotz allen persönlichen Leids sehr früh das Verlangen wuchs, sich nach jahrelanger geistiger Isolation und Indoktrination neu und in Freiheit zu orientieren. Jegliche Voraussetzungen für ein normales kulturelles Leben mit Zeitungen, Büchern, Theater, Musik und bildender Kunst waren vernichtet. Es galt vordringlich, die Strukturen für die dafür erforderlichen Einrichtungen neu zu schaffen, was nur unter strenger Aufsicht und Reglementierung der französischen Militärregierung möglich war. Diese sah in ihrer Kulturpolitik, in Baden-Baden vertreten durch General Raymond Schmittlein, ein wesentliches Instrument zur Durchsetzung und Verbreitung demokratischen Gedankenguts.

Im August 1945 konnte das Badische Tagblatt in magerer und zensierter Version wieder erscheinen, im Oktober wurde der Schulbetrieb unter improvisierten Bedingungen wieder aufgenommen. Ein bedeutendes Datum war der 31. März 1946, an dem der Südwestfunk auf Sendung ging. Ein Interview mit dem als französischer Kulturoffizier aus dem Exil zurückgekehrten Alfred Döblin signalisierte eine entschiedene geistige Haltung, die auch in seiner Sendereihe "Kritik der Zeit" deutlich wurde. Mit Heinrich Strobel und dessen Leidenschaft für die neue Musik wurde Baden-Baden eine hierfür herausragende Adresse.

Besonderes Interesse richtete die Referentin auf das Phänomen, daß bereits 1946 eine Reihe höchst anspruchsvoller Kultur- und Literaturzeitschriften erschienen, deren symbolhaltige Namen Hoffnung und Aufbruch signalisierten. Döblin rief "Das Goldene Tor" ins Leben, Gerhard Heller gründete (mit Hans Paeschke) "Lancelot – Der Bote aus Frankreich" und später den bis heute lebendigen "Merkur", der Lyriker Luc Bérimont gab "Le Verger – Der Obstgarten" heraus (der Titel ist eine Hommage an Rilkes gleichnamiges Gedicht). Ziel war ein reger Austausch über das Kulturleben in der französischen Zone, die Vorstellung neuer Autoren wie Sartre, Anouilh, Giraudoux und vieler anderer, die für eine kritische, demokratisch-humanistische Gesinnung standen.

Der gründlich recherchierte und detailreiche Vortrag von Madeleine Klümper-Lefebvre wurde aufs Schönste ergänzt durch die Mitwirkung von Michael Schuncke, Zeitzeuge und unermüdlicher Initiator für Baden-Badens Musikleben. Gymnasiast in jenen Jahren, konnte er von einer Reihe sehr berührender Erlebnisse und Begegnungen, etwa mit Jean-Pierre Ponnelle, Robert Schuman, Otto Flake, Heinrich Berl. erzählen, die ihn förderten und prägten. 

Diese Veranstaltung am Vorabend des 9. November regt an, die vielfältigen Informationsquellen, die heute zur Verfügung stehen, zu nutzen, um sich das intensive, lebendige Kulturgeschehen jener schwierigen Jahre vor Augen zu führen, vor allem angesichts dessen,  was längst als selbstverständlich gilt.