DFG Baden-Baden
Tel:  +49 (7221) 2 51 10     
Fax: +49 (7221) 39 44 33     
Mail: info@dfg-baden-baden.de

Einführung zu "Hans im Schnakenloch" von René Schickele

Bericht: Dr. Heinrich Niederer

Im Rahmen des vielfältigen europäischen Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 hat unser Theater das leider selten gespielte Stück "Hans im Schnakenloch" von dem ebenfalls zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Autor René Schickele in das Programm dieser Spielzeit aufgenommen.

Unsere unermüdliche Künderin der französischen Kultur, Frau Madeleine Klümper-Lefebvre, hat uns auch zu diesem Stück - getreu der von ihr ins Leben gerufenen Tradition  - eine Einführung in französischer Sprache geschenkt.

Vor einem Kreis von Interessierten führte die Referentin in dem reizenden kleinen Spiegelsaal unseres Theaters mit ihrem unnachahmlichen "Français impeccable" in Leben und Werk von René Schickele ein.

Dieser 1883 in Oberehnheim (heute Obernai) geborene Sohn eines Deutschen und einer Französin erlebte im frisch nach Sedan von Deutschland annektierten Elsass bis zu seinem Tod 1940 im "Exil" in Vence alle Umschwünge der, ach so fatalen deutsch-französischen Geschichte in der Spanne seines Lebens. Daheim wurde in bewusster Résistance zu den Germanisierungstendenzen Französisch gesprochen in der Schule aber genauso absichtlich deutsch! Seine Literatur- und Philosophiestudien führten ihn nach Strasbourg an die nagelneue Reichsuniversität, nach München, Paris und Berlin. Er gerät in einen Kreis von Gleichgesinnten wie Otto Flake, Romain Rolland und Annette Kolb. Seine Position ist eindeutig: gegen eine nationalistische Einvernahme zu beiden Seiten des Rheins, offen für ein friedliches Europa, das aber die kulturellen Eigenarten der in ihm lebenden Völker respektiert. Dafür spitzt er die Feder als Publizist, als Autor von Büchern und Theaterstücken. Die radikale "Französisierung" des Elsass nach dessen Rückgewinnung durch Frankreich veranlasst ihn zu einem Wechsel der Rheinseite und so wird er Bürger in Badenweiler. Doch auch dort findet er angesichts der Verdüsterung des Kontinents am Vorabend des Zweiten Weltkriegs keine Heimat. Er "flieht" wohl auch wegen des milden Klimas in den Süden Frankreichs nach Vence und stirbt noch vor der Okkupation durch die Truppen Nazi-Deutschlands.

In Vence wendet er sich endgültig wieder seiner Muttersprache zu und schreibt auf Französisch " Le Retour", eine letztlich erschütternde Bilanz seines Lebens zwischen zwei Kulturen und zwei Sprachen, in denen er leben und sich nicht für eine entscheiden wollte, wozu ihn aber die unselige Politik zu beiden Seiten des Rheins letztlich zwang. Die Auszüge, die MKL  aus dieser Schrift zu Gehör brachte, waren unter die Haut gehend und veranlassten die gebannt Zuhörenden zu anhaltendem Schweigen.

"Hans im Schnakenloch" liegt ganz in der Linie des aufklärerischen Anliegens von René Schickele. Mitten durch eine Familie geht der von der Politik erzwungene Positionsbezug zweier Brüder. Die daraus entstehenden Konflikte sind Inhalt des in unserem Theater wieder erlebbaren Stücks.

Gerne dankte der Präsident der DFG im Namen der Anwesenden der Referentin. Alle waren sich bewußt, dass es im heutigen Europa solcher Menschen wie René Schickele bedürfte.