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18.10.2014

Rendez-vous in der Barockstadt Rastatt

Text: Friedemann Moll und Hans-Jürgen Maier
Bilder: Gerhard Kesselhut

Wir aus Baden-Baden waren zwanzig an der Zahl, um die ( ebenfalls 20) per Bus vor dem Rastatter Residenzschloss eintreffenden Colmarer Freunde zu begrüssen. Für Friedemann Moll blieb Zeit für erste Erinnerungen an die Baugeschichte (1698 – 1727) der gut erhaltenen, imposanten, Versailles nachempfundenen Architektur, ehe die Hälfte der Teilnehmer zur Besichtigung des Schloss-Innern mitgenommen wurde.

Die Führerin (in deutscher Sprache) konzentrierte sich auf verbliebene Spuren aus dem Leben des Türkenlouis und seiner Familie, auf die Deckenfresken mit ihren symbolträchtigen Themen aus der griechischen Sagenwelt. Lebensgrosse Figurinen illustrierten das 300-jährige Jubiläum des Rastätter Friedens von 1714, der nach 3-monatigen Verhandlungen (und Vergnügungen) hier unterzeichnet wurde, und zwar von Marschall Villars im Auftrag von Louis XIV und von Prinz Eugen als Unterhändler von Kaiser Karl VI.  Endlich konnte sich vor allem die rechtsrheinische Bevölkerung von den Schrecken des Niederländischen Kriegs (Turenne bei Sasbach, 1675) und des Pfälzischen Erbfolgekriegs (Baden-Baden, 1689) erholen. Dass unsere Gegend auch während des Spanischen Erbfolgekriegs (seit 1700) arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist weniger bekannt. So wurde eine Schlacht am Oberrhein dem Türkenlouis zum Verhängnis. Wegen einer Verwundung musste er den Oberbefehl über die Kaiserlichen an Prinz Eugen abtreten und starb schon 1707. In Ergänzung zum Frieden von Utrecht 1713 (Verhandlungen der englischen Krone/ der Niederlande mit Louis XIV) einigte man sich in Rastatt auf einen Grenzverlauf am Mittelrhein, der dem heutigen entspricht. Endlich verhalf der Verzicht von Versailles und Wien auf die Thronfolge in Madrid dem Prinzip vom Europäischen Gleichgewicht zum Durchbruch und bescherte gerade auch unserer Gegend die zum Wiederaufbau nötige Waffenruhe. War es verwunderlich, dass der Friede von 1714 uns im Anschluss an die Führung zu einem Vergleich mit der deutsch-französischen Versöhnung  nach dem 2. Weltkrieg anregte?

Um ca 15:30 Uhr endete auch die Schlossführung in französischer Sprache, eigens für unsere Colmarer Gäste bestellt. Wie bei früheren Treffen gab es nun  getrennte Programme für „randonneurs“ und „promeneurs“. Der Colmarer Bus brachte die Wanderer zu einer von Hans-Jürgen Maier organisierten und betreuten Entdeckungstour im Süden von Rastatt.

Die Spaziergänger hatten ausgiebig Freizeit für Kaffee und Kuchen. Besonders geschätzt waren Terrassenplätze in der für die Jahreszeit ungewöhnlich warmen Nachmittagssonne. Ab 17:00 Uhr gab es dann noch reichlich Interessenten für die von Friedemann Moll angebotene Stadtführung. Unterwegs hielten wir Ausschau nach den positiven Auswirkungen des Rastätter Friedens: Erst nach 1714 konnte sich die Witwe des Türkenlouis mit Mitteln aus ihrer böhmischen Heimat um die Vollendung des Schlosses, der Schlosskirche und der Parkanlagen kümmern. Auch im Stadtkern erinnert noch Vieles an das Barock jener Epoche: So, zum Beispiel, der am Reissbrett entstandene Stadtgrundriss mit 3 in Form einer Patte d'oie aufs Schloss zuführenden Strassen, die Bürgerkirche St. Alexander mit reichem Figurenschmuck an Fassade und Kanzel, der Marktplatz mit seinen beiden damals modernen und als Monumente konzipierten Pumpbrunnen und das der Kirche gegenüberliegende Rathaus. Aber auch Sehenswürdigkeiten aus neuester Zeit erfreuen den aufmerksamen Touristen. Erwähnt seien die witzig-rätselhaften Reliefmedaillons an der Fruchthalle und die Brunnenfigur voll verschmitzter Details „Hommage à Picasso“ des Bildhauers Jürgen Goertz. Fazit unseres Rundgangs: Rastatt vaut un détour.

Die Gruppe der Wanderer mit Hans-Jürgen Maier nutzte die ihr zur Verfügung stehenden 2 1/2 Stunden, um ein geologisch und botanisch einmaliges Gelände halbwegs zwischen Rastatt und Baden-Baden zu entdecken. Erwartet wurden wir im dortigen Niederwald von Herrn Johannes Ebert, Biologe des Städtischen Forstamts. Aus seinen interessanten Erläuterungen erfuhren wir, dass die bis zu 18 m hohen Sanddünen am Ende der Eiszeit vor 10 000 Jahren auf den vom Rhein gebildeten Schotterterrassen durch Sandablagerungen entstanden sind. Es handelt sich um ein überregional bedeutsames Biotop für seltene Tiere und Pflanzen, früher noch teilweise französischer Truppenübungsplatz Puységur, aber inzwischen längst Naturschutzgebiet. Um die empfindlichen Flächen mit Silbergras, Ginster, lichten Laub- und Kiefernwälder freihalten zu können, werden sie von Ziegen- und Schafsherden beweidet. Der dort tätige Schäfer, Herr Alexander Müller, liess es sich nicht nehmen, seine prächtigen Tiere von weit herbeizurufen, um die sichtlich begeisterte Besuchergruppe artgerecht zu begrüssen. Ein unvergessliches Naturerlebnis bei schönstem Wetter mit malerischem Sonnenuntergang in der Rheinebene...Was will der Naturfreund mehr!

Kurz vor 19:00 Uhr waren wir wieder alle vereint zum Dîner mit 3-Gänge-Menü in einem schön geschmückten Raum des Rastatter Restaurant „Das Schwert“. Das Arrangement mit Sechser-Tischen ermöglichte angeregte, auch bilinguale Gespräche über die Erlebnisse des Tages, über Erfahrungen und Pläne unserer beiden Gesellschaften. Und im „Au revoir“ konnte man schon die Vorfreude auf das nächste Frühjahrstreffen im Elsass heraushören.