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13.09.2016

Vortrag "Shakespeare ohne Grenzen"

Bericht: Dr. Heinrich Niederer

Shakespeare en France - Vortrag von Madeleine Klümper-Lefebvre

Was für ein wunderbarer Lackmus Test Shakespeares Werk für die Unterschiedlichkeit der Kulturen Englands und Frankreichs ist, hat MKL  in ihrem Vortrag aufs Schönste herausgearbeitet.

Nachdem er in seiner Heimat zu Lebzeiten die gebührende Bewunderung gefunden hatte, tauchte er im 17. Jahrhundert in relative Vergessenheit ab. Umso strahlender stieg er im 18. Jahrhundert wieder am Theaterhimmel Englands empor. Sein Ruhm drang dank des aufsteigenden Empires aufs festländische Europa. Während ihn Lessing, Schiller und Goethe als einen der ganz Großen bewunderten, erfuhr er in Frankreich eine ganz andere Aufnahme.

Der erste Türöffner für Shakespeare in Frankreich war kein geringerer als Voltaire.  Nach einem kurzen Zwangsaufenthalt in der Bastille, den er sich durch seine freche Zunge und Feder eingehandelt hatte, fand er Asyl in London und begegnete dort  zum ersten Mal dem Werk des großen Engländers. Selbst für ihn, den sich vorurteilsfrei Dünkenden, war das zunächst ein großer Schock!

Er war als Franzose der Epoche von Louis XIV  zu tief von den Vorstellungen des klassischen Theaters à la Corneille und Racine geprägt. Shakespeares Theater war für ihn schlicht barbarisch, wenn er auch wunderbare Perlen in dem "Misthaufen" entdeckte. Das eigentliche "Ärgernis" lag wohl darin, dass der Engländer nicht Boileaus Rat befolgte,"die Natur sorgfältig zu verschleiern", sondern sein ganzes  Talent darauf verwendete, die menschliche Natur in all ihren schönen und schrecklichen Facetten sichtbar und erfahrbar zu machen. Vor allem letztere sollten unter den Perücken des Absolutismus versteckt werden. Nur so glaubten die Mächtigen ihre Macht erhalten zu können:  "Guter Geschmack", Zensur, Bastille, Katechismus, breit unterstützter Aberglaube und gern geduldeter Analphabetismus waren die bewährten Instrumente der mit blendendem Glanz Regierenden. Da störten natürlich die anarchisch-betrunkenen Totengräber in "Hamlet" !

Doch die Zeit schritt voran: 1789 mutierte das Licht der Aufklärung zur Brandfackel der Revolution, die Perücken fielen unter der Guillotine, "La Terreur" riss Boileaus Schleier von der Natur des Menschen, der Glanz des ersten Kaiserreiches konnte die Gewalttätigkeit Napoleons nicht mehr hinreichend verschleiern und selbst Waterloo mit all seinen Folgen konnte die alte Welt nicht mehr wieder herstellen.

1822 führte eine Hamlet Aufführung im Odéon Theater noch zu einer wilden Saalschlacht. Aber schon fünf Jahre später fiel das Echo ganz anders aus. Victor Hugo, Eugène Delacroix, Théophile Gautier und Hector Berlioz waren diesmal im Odéon Theater als Zuschauer. Letzterer vor allem war von Hamlet wie vom Blitz getroffen.

Diese Aufführung bildete den Auftakt zu einer wahren Schlacht um das zeitgemäße Theater in Frankreich. Die "Klassiker" und die "Romantiker" standen sich unversöhnlich gegenüber. Victor Hugos Stück "Hernani" von 1830, das damals einen riesigen Skandal auslöste, öffnete den Weg zu einem modernen französischen Theater. Die damalige Bezeichnung "romantisch" erläuterte Hugo so: "Die Freiheit in der Kunst, die Freiheit in der Gesellschaft, das ist das doppelte Ziel, nach dem alle zielbewussten und logischen Geister Seite an Seite streben sollen und die "Romantik" ist nichts anderes als die Freiheit in der Literatur."

Als Victor Hugo diese Zeilen als Manifest der "Romantik" schrieb, ahnte er noch nichts von seinem bitteren Kampf um eben diese Freiheit und von seinem Exil und seinem politisch verdunkelten Lebensende. Aber er hatte mit all seinen Mitstreitern begriffen, dass die von Shakespeare gezeigte Natur des Menschen die eigentliche Konstituante im Kampf des Menschen um eine bessere Welt in Freiheit und Frieden darstellt.

Die abschließende, überaus lebendige Diskussion zeigte, wie gut es MKL gelungen war, die Thematik aufzuschließen und ihre Vielfältigkeit sichtbar zu machen.