DFG Baden-Baden
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14.07.2016

Quatorze Juillet 2016 auf dem Magnetberg

Bericht: Dr. Heinrich Niederer

Bei schönem Wetter trafen wir uns zunächst auf der Terrasse des "Magnetbergs". Die "Belle Vue" war so überwältigend, dass wir uns nur zögerlich von den verlockend gedeckten Tischen ins Innere verführen ließen, um die Rede des Präsidenten zu hören:

Mes Chers membres du cercle Franco-allemand de Baden-Baden, mes chers amis de l'amitié franco-allemand, mes Dames et Messieurs,

Soyez tous les bienvenus sur le Mont magnétique! Mes salutations particulièrement cordiales sont pour mon collègue M. Chéri-Zécoté, président des amis de la Martinique!

Nous célébrons le Quatorze Juillet - le grand date révolutionnaire pour le monde entier - et c'est à cette cause que j'ai vous invités sur cette colline, qui nous rend une magnifique belle vue sur notre ville.

Als wir im Vorstand für unseren diesjährigen Quatorze Juillet anstelle des Casinos den Magnetberg in Betracht zogen, hatte ich von der Bedeutung des Ortes noch keine Ahnung. Ich war mir nicht bewusst, auf welche deutschfranzösische Goldader wir gestoßen waren und wie richtig es ist, gerade hier der Großen Revolution zu gedenken und gemeinsam den Quatorze Juillet zu feiern.

Eine hoteleigene Beschreibung der Geschichte dieses Hauses weckten meine Forschungslust und meine Nachforschungen in der Stadtbibliothek und im Stadtarchiv öffneten mir die Augen. Lassen Sie sich ein wenig in die Geschichte dieses Hause entführen.

In den Unterlagen unserer Stadt ist auf der bestimmt schon den Römern bekannten Anhöhe für den Beginn des 19. Jahrhunderts eine Ziegelei eingetragen. Gegen die Mitte dieses Jahrhunderts erwirbt der schweizerische Staatsangehörige Dr.med.Carl Brumm das Anwesen und lässt für sich ein Wohnhaus errichten. Dr. Brumm ist Leibarzt der Herzogin von Hamilton, einer Tochter der Großherzogin Stephanie. -Da haben wir schon die erste Brücke zu unserer DFG. -Auch nach dem Tod von Dr. Brumm blieb das Anwesen in der Hand seiner Familie, die nach einem Brand das Gebäude von den berühmten hiesigen Architekten Vitalli und Scherzinger 1895 in der heutigen Gestalt mit dem markanten Turm errichten ließen.

1943 zog in dieses Haus -durch den Bombenkrieg von Mannheim vertrieben das Schweizerische Konsulat. Dieses betreute die Interessen der schweizerischen Staatsbürger, die in der Region von Basel bis Mannheim Immobilien und Produktionsstätten besaßen. Das war für die Betroffenen bis zum Kriegsende und darüber hinaus von größter Bedeutung, da sie persönlich und ihr Besitz auch von der neuen Besatzungsmacht respektiert und anders als der von deutschen Staatsbürgern behandelt wurden. Solch spezifischen Schutz, z.B. vor Demontage genossen auch Werke, die vor dem 8. Mai 1945 eng mit dem damaligen Regime zusammen gearbeitet hatten und nun dank der Arbeit des Schweizerischen Konsulats ohne Restriktionen weiter produzieren konnten.

Die wohl spektakulärste Aktion des Konsulats dürfte die Rettung der hier lebenden Familie des Generals von Choltitz gewesen sein. Er hatte die Nicht-Zerstörung von Paris von der Sicherheit seiner Familie abhängig gemacht.

Nach dem 2. Weltkrieg und nach der Besetzung durch das französische Militär wurde das Gebäude Erholungsheim für Kriegsverletzte unter der Obhut des VDK. Dieser führte die Einrichtung bis 1988. Danach erlebte der Magnetberg eine wechselhafte Geschichte bis 2011 die Andreas Cordier Hotelbetriebs GmbH das Haus übernahm, komplett renovierte und es heute als 3 Sterne Superior Hotel betreibt.

Schon die bisher aufgedeckten Beziehungen des Magnetbergs zur deutschfranzösischen Geschichte würden eine Feier der DFG an diesem Ort hinreichend legitimieren, noch bedeutsamer aber ist diesbezüglich die Legende, die sich um den Namen rankt. Nach ihr soll sich der in unserer Stadt wenige Jahre vor seinem Tode bis 1875 lebende Dichter und aktive Unterstützer der Revolution von 1848 Georg Herwegh von der hiesigen Anhöhe wie "von einem Magnet" angezogen gefühlt haben.

Wer auch immer die Legende erfunden haben mag, Tatsache bleibt die tiefe Verwobenheit unseres Freiheitsdichters mit der deutsch-französischen Geschichte im allgemeinen und der unserer Stadt im besonderen.

Nur wenige erinnern sich daran, dass Herwegh die Pariser Revolution im Frühjahr 1848 aktiv unterstützt hat, dort auf den Barrikaden gestanden und mit den Arbeitern zum Hotel de Ville gezogen ist. Von Paris aus hat er die berühmte Legion der Vierhundert ins Badische angeführt, um am Ziel festzustellen, dass alles schon verloren war. Nur die Flucht in die Schweiz, deren Staatsbürger er war, rettete sein Leben.

1948 veranlasste die französische Militärregierung im Rahmen ihrer Politik der "rééducation" eine Ausstellung im Kurhaus zum Hundertjährigen Jubiläum der sog. badischen Revolution. Die durch die Ausstellung erhoffte Förderung des demokratischen Denkens der eben vom Nationalsozialismus befreiten Deutschen sollte noch verstärkt werden durch eine Gedenktafel am hiesigen Sterbehaus Herweghs. Unter hochrangiger Beteiligung der "Section Beaux Arts" des Gouvernement Militaire und der Stadtobrigkeit bei gleichzeitig beschämender Absenz der Bevölkerung wurde die Tafel im November 1948 enthüllt und soll bis zum heutigen Tag uns alle an die immerwährende Gefährdung der Demokratie erinnern und zugleich ein Mahnmal für die deutsch-französische Freundschaft sein. Niemand hat das besser ausgedrückt als Georg Herwegh selbst, der 1848 mit zwei ineinander verschlungenen deutschen und französischen Fahnen vor dem Pariser Hotel de Ville den vereinigten Revolutionären einen Satz zugerufen hat, der mein Wunsch für den Quatorze Juillet 2016 sein soll:

" Que le drapeau français et le drapeau allemand restent unis à tout jamais pour le bonheur du monde" !

Nach diesem Gedenken konnten wir uns entspannt dem Essen und guten Gesprächen hingeben. In bester Stimmung verabschiedeten wir uns alle noch nichts von dem ahnend, was uns alle zu Hause in den Medien erwartete.

Seither trägt unser Quatorze Juillet 2016 Trauerflor.